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A Mistake of Freud

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Helmut Falkenstörfer

Remsstr. 58

D-73614 Schorndorf                                                                 , im Februar 2004

Tel. 07181-64399

Fax und Anrufb. 25 67 33

E-Mail  IHD.Falkenstoerfer@t-online.de

 

Etymologische Anmerkungen zu Freuds These vom "Gegensinn der Urworte"

Zusammenfassung

Ein genauer Blick auf die Beispiele, die Freud für seine These vom „Gegensinn der Urworte“ gibt, zeigt, dass diese These für die meisten Fälle nicht zutrifft.

 

Etymological Observations concerning Freud’s Theory of

Opposite Meanings in Elementary Words

Summary

A closer look into the roots of words, which Freud gives as examples for his theory concerning intrinsic opposite meanings within those words shows that the theory in most cases does not apply.

 

Seit 1910 hat Sigmund Freud in mehreren Auflagen einen Aufsatz "Über den Gegensinn der Urworte - Referat über die gleichnamige Broschüre von Karl Abel, 1884" veröffentlicht. In der Studienausgabe des Fischer Taschenbuch Verlags findet er sich in Band IV, S. 227-234. Freuds von Abel übernommene These ist, dass eine an Anzahl von Urworten innerhalb ihrer selbst entgegengesetzte Bedeutungen haben. Abel geht in seiner Broschüre vom Ägyptischen aus, fügt dann aber auch Beispiele aus dem Lateinischen, Deutschen und Englischen hinzu. Eine Auswahl von Fällen, „die auch uns Sprachunkundigen Eindruck machen können“ zieht Freud in seinem Aufsatz heran.

Für Freud ist dieses Phänomen wichtig, weil er es Parallele zu seiner Beobachtung sieht, dass in Traum "Gegensätze mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusammengezogen in einem dargestellt" werden (S. 229). Ihm erschienen die Abelschen Beobachtungen wichtig als "willkommene Analogie" für das "befremdende Benehmen der Traumarbeit", Gegensätze ebenso zu behandeln wie Übereinstimmungen. (Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 11. Die Traumarbeit, Studienausgabe Bd.I, S. 185). Welche Bedeutung dieser Aufsatz für Freud hatte, geht ebenso aus der Veröffentlichung in mehreren neuen Auflagen hervor wie aus der Tatsache, dass er seinen Inhalt sowohl in die "Traumdeutung" (Studienausgabe Bd. II, S. 316) als auch in die "Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (Studienausgabe Bd. I, S. 185f und S. 232f.) eingebaut hat.

 

Die editorische Vorbemerkung der Studienausgabe weist bereits darauf hin, "dass Abels Broschüre schon 1884 erschien, so dass es nicht verwunderlich ist, daß einige Beispiele von späteren Philologen nicht bestätigt worden sind. Das gilt besonders für die ägyptologischen Kommentare."

Der Blick in einige etymologische Lexika zeigt, dass dies weitgehend auch für die Beispiele aus den anderen Sprachen gilt, die Freud in seinem Referat über Abels Broschüre aufnimmt.

Entweder liegen den genannten Worten mit gegensätzlichen Bedeutungen auch verschiedene Wurzeln zugrunde (a) oder die Bedeutungen sind gar nicht gegensätzlich (b) oder der Gegensatz hat sich nachträglich entwickelt und liegt nicht im Urwort (c). Lediglich drei Beispiele scheinen immerhin diskutierbar (d).

 

Zu a) Verschiedene Wurzeln

clamare schreien - clam leise, still

clamare gehört zum Verwandtschaftsbereich von calare ausrufen, zusammenrufen; dazu gehört griechisch kalein, englisch to call aus der »Schallwurzel *qel- (daneben *squel in neuhochdeutsch schallen, schellen, schelten usw)« (Walde-Hofmnn).

clam gehört zu celo verbergen aus cella  Versteck.

 

siccus trocken - succus saft

sicccus leitet sich von der indogermannischen Wurzel *seiq trocken ab. sucus (nicht succus) von sugere saugen; weiterhin verwandt mit althochdeutsch sufan und von da weiter mit saufen.

 

bös (schlecht) bass gut

böse »aus vor-deutsch *bausja 'böse, gering, schlecht'« (Kluge).

bass Adverb des Komparativs besser, später durch den normalen Komparativ ersetzt. »Unter dem Ansatz einer Wurzel indogermanisch *bhad oder *bhod lässt sich die ro- Bildung altindisch bhadrá- glücklich, erfreulich' heranziehen« (Kluge). Im Deutschen verwandt ist Buße, eigentlich Besserung.

 

bat (gut) bad (schlecht)

Altsächsisch  bat hängt zusammen mit bass und besser, ist also die Grundform von englisch better.

bad, mittelenglisch badde kommt von bæddel Hermaphrodit, verwandt mit altsächsisch bædling, weibischer Mann (Skeat). Webster vermutet Verwandtschaft mit bædan beflecken, schänden.

 

kleben  to cleave (spalten)

kleben kommt von der indogermanischen Wurzel »glei 'schmieren, kleben'«

 (Kluge), hängt also zusammen mit englisch glue, Leim.

to cleave spalten kommt von der germanischen Wurzel kleub und hat mehrere Parallelen in verschiedenen germanischen Sprachen. Im Deutschen entspricht ihm das heute weitgehend ungebräuchliche klieben spalten. Verwandt ist das Wort mit griechisch glypho, ich meißle aus, graviere und von daher mit unserem Glyptothek.

 

stumm - Stimme

Stimme leitet sich aus der germanischen Wurzel *stemno Stimme, am ehesten von *stemn-a, , der Weiterbildung eines Wortes für 'Mund', das griechisch in stoma greifbar ist.

stumm gehört zu stammeln.

 

Zu b) scheinbarer Gegensatz

 

Boden

Der  Boden oben im Haus heißt genau "Dachboden". Er ist der Boden jener dreieckigen Balkenkonstruktion die man "Dachstuhl" nennt. Der Dachboden liegt in seinem Bezugssystem genauso unten wie der Boden eines Flugzeugs, das in 12 000 Metern Höhe fliegt in dem seinen.

 

Zu c) nachträglicher Gegensatz

wider  wieder  with  without

Diese Worte sind zusammen zu behandeln, da sie aus der gleichen Wurzel stammen. Die Wurzel ist das indogermanische wi auseinander; von da »althochdeutsch widar altsächsisch withar 'gegen, zurück' « (Kluge). Zu dieser Grundbedeutung gehört ebenso das englische withdraw und  withhold wie das deutsche wider im Sinne von gegen.

Beide haben dann nachträglich und assoziativ weitere Bedeutungen entwickelt: das Deutsche wieder im Sinne von wiederholen aus der Vorstellung, dass man zurück gehen muss, in der Gegenrichtung also, um einen Weg zu wiederholen; im Englischen with im Sinne von "mit" aus er Tatsache dass gegen jemanden zu kämpfen ein gemeinsames Handeln darstellt. Gegen jemanden kämpfen bedeutet also immer zugleich mit ihm kämpfen, und dieses ursprünglich sehr spezielle "mit" ist abgeblasst und konnte sich so in die allgemeine Bedeutung von mit entwickeln. Wenn überhaupt an irgend einem der Wortbeispiele könne man hier davon sprechen, dass das Urwort sein Gegenteil aus sich heraussetzt. Aber auch das ist nicht überzeugend, weil der Gegensinn nicht elementar im Urwort enthalten ist, sondern sich erst später und auch nur in einer seiner Vorkommenssprachen aus der Logik seines Gebrauchs entwickelt hat.

 

Zu d) diskutierbare Beispiele

 

altus hoch und tief

altus leitet sich ab von alêre hervorbringen, ernähren.  »altus "hoch, tief (eig. "emporgewachsen")« (Walde-Hofmann). Die Grundbedeutung ist also eine senkrechte Ausdehnung, die nach oben wie nach unten betrachtet werden kann.

Die beiden Bedeutungen des Worts sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Ob man das als Gegensinn im Verständnis Freuds betrachten will, mag offen bleiben.

 

to lock (schließen) Lücke, Loch

lock, to lock leitet sich ab von der germanischen Wurzel *luk oder *leuk befestigen (Skeat). Kluge stellt Loch, Lücke und Luke zusammen mit der gleichen Wurzel, nämlich germanisch *luk-a verschließen. »Loch ist also ursprünglich ein verschließbares Loch, dann hat es seine Bedeutung stark verallgemeinert« (Kluge). Auch hier muß offen bleiben, ob man diesen Zusammenhang als Gegensinn deuten will.

 

sacer heilig und verflucht

Der Gegensatz ist zunächst scheinbar. sacer heißt, der Gottheit anheimgegeben; das kann zum guten wie zum Bösen sein. Etwas kann dem Untergang wie der Verklärung geweiht sein. Dieses Beispiel lässt sich aber auch im dem Sinne interpretieren, dass das Urwort in sich ambivalent ist und deshalb gegensätzliche Bedeutungen aus sich heraussetzen kann.

 

Für alle drei Beispiele unter (d) gilt, dass die Urbedeutung der Wurzeln eher weiträumig als gegensätzlich ist. Dass eine Wurzel mit weiträumiger und damit vieldeutiger Bedeutung in viele Richtungen wachsen kann, versteht sich einigermaßen von selbst und ist etwas anderes als die zugespitzte These vom Gegensinn der Urworte.

 

Herangezogene Literatur:

Sigmund Freud, Studienausgabe, Frankfurt 2000.

Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 22. Auflage, Berlin; New York 1989.

Skeat, Walter W., A Concise Etymological Dictionary of the English Language, Oxford University Press, Auflage von 1984.

Walde, A. und Hofmann J.B. Lateinisches etymologisches Wörterbuch, 5. Auflage, Heidelberg 1972.

Webster's Third New International Dictionary, Chicago 1986.

Heinichen, Friedrich Adolph, Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch, Leipzig 1897.

 

Der Autor, Jahrgang 1936, ist evangelischer Theologe und Publizist.

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